OTTO JUNGWIRTH - EIN ÖSTERREICHISCHER MALER
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Aus "Das Notwendige"

Heimo Kuchling, Schriftenreihe Kontur, Juni 2008, S. 23 f

"Ein völlig anderes Werk ist das von Otto Jungwirth (Abb 36,37). Es zeigt vor allem städtische Menschen und städtische Ansichten, die ebenso bildhaft sind wie seine späteren Arbeiten im bäuerlichen Milieu uns in der Landschaft.

Jungwirth ist kein ausgesprochen sinnlicher Mensch, er ist aber auch kein Mensch, in dem das barocke Pathos wirkt. Er ist vielmehr ein Mensch, der überaus empfindliche Antennen für seine Umwelt hat.

Was von dort auf ihn eindringt, berührt den Kern seiner Person, formt seine Psyche. Der Alltag prägt die Welt des Menschen und dringt daher mit Macht in das Innere des Künstlers. So erscheint ihm die Pflanze verletzlich, aber auch als Lebensquell. Jungwirth sieht nicht Motive, sondern Dingverbände und das Wesen des Lebens.

Das Sinnliche ist nicht ausgeschlossen. Es ist die Brücke, die von Außen nach Innen führt. Was das Auge sieht, ist nicht belanglos, ist auch nicht bloß Motiv. Für Jungwirth ist die Umwelt Oszillator und die Psyche Resonator.

Der zweite Weltkrieg, den Jungwirth als Kind mitmachte, machte ihn für alles Verletzliche besonders empfindsam. So zeichnete er in jungen Jahren ein Selbstbildnis, das seine Empfindsamkeit als Abwehr gegen das Äußere spüren lässt: Es gibt kein Ausweichen, wohl aber eine Empfindlichkeit, die überwunden werden muss, ohne dass das Sensorium geschädigt wird.

Eine Malerei, die das Sinnliche beachtet , aber auf das Sensorium angewiesen ist, geht zwar vom Motiv aus, aber die Empfindsamkeit des Malenden und die psychischen Reaktionen, welche die Realität in ihm auslöst, dominieren das Motiv. So kommt die Individualität der Personen und die Eigenart der Dinge, die er darstellt, zum Ausdruck. Personen und Stadt vertreten gleichermaßen seine Heimat, die seine Welt ist.

Das Überwinden des Motivischen ist ein Ergebnis des Formungsprozesses: Dieser kann durch die Eigenart eines vertrauten Hausbewohners ebenso angeregt werden wie durch einen Blick aus dem Fenster. Figuren und Farben im Sichtbaren lösen Visionen aus, und diese sollen in der Form spürbar werden. Was in der äußeren Welt als Motiv erscheint, aktiviert die Psyche, und diese bestimmt die Art der Vision: in ihr sind Empfindender und Empfundenes eine Einheit. Eine graue Welt erscheint im Bilde kraft des Malerischen in einer lebensvollen Farbigkeit, und die trostlosen Einzelheiten des Motivs - etwa einer Straße- werden lebendig, werden zu einem Ganzen von Figur und Farbe, das sich nicht nur an die Sinne wendet, sondern an den inneren Menschen. Jungwirth malt nicht nur Äußerliches; er spürt vielmehr im Äußerlichen das Innere auf, und dieses spricht sein Künstlertum an."